Henry-Stutzen

13titelEs war Dienstag kurz vor halb elf, als es an der Tür klingelte. Die Dame draußen sah blendend aus. Inzwischen hatte ich gelernt, dass ich mit Leuten vor der Tür reden konnte.

„Sie wünschen?“

„Mein Name ist Clarissa Weidenpech, ich bin Staatsanwältin. Ich möchte Cäsar Bär sprechen!“

Sie sah nicht nur blendend aus, sie hatte auch eine betörende Stimme.

„Der ist zurzeit nicht im Büro!“

„Ich weiß, aber er muss gleich kommen. Lassen Sie mich herein.“

Ich ließ und forschte zugleich im Computer über die tolle Frau.

Frau Weidenpech sah nicht nur blendend aus, sondern wurde auch als Blenderin bezeichnet. Blenderinnen und Blender stammen von den Geflügelten ab, erfuhr ich weiter.

Weidenpech und Bär betraten fast gleichzeitig das Büro, allerdings benutzten sie unterschiedliche Türen.

Die Blenderin hatte ein Gewehr in der Hand. Es sah so aus wie das, dass ich an der Raststätte durch das Fernglas gesehen hatte.

„Ist das dieser Henry-Stutzen?“ fragte Bär.

„Henry-Gewehr genauer gesagt. Ja das ist die Tatwaffe.“ sagte die Blenderin. „Die Polizei hat es untersucht, wir haben im Schaft einiges gefunden. Zum einen ist am Ende eine Plakette auf der „Charles“ steht. Weiteres sind 13 Kerben in den Schaft geschnitzt. Wir haben ein wenig im iii geforscht. Das Gewehr hat ursprünglich einem gebürtigen Schweizer namens Charles Maggio gehört. Maggio kämpfte im amerikanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Konföderierten.

Nach Maggios Tod verschwand die Waffe. Sie tauchte 1921 wieder auf und verschwand 1925 wieder. Ein Varietékünstler namens Carlos Maggio benutzte die Waffe. Er war Ostern hier im Konzerthaus zu Gast. Nach Ostern verschwand die Waffe dann wieder. Wir haben keine Hinweise wohin bzw. nach wann.

Die Waffe ist zwar schon sehr alt, allerdings wirkt sie wie neu.“

„Sollen wir sie untersuchen?“

„Ja, erstmal. Obwohl ich glaube, dass wir noch einen anderen Spezialisten brauchen!“

„Ha!“ kam es vom Regal.

„Lasst uns zu Cjue in Keller fahren. Er sollte an der Untersuchung beteiligt werden.“

Wir bewegten uns zum Fahrstuhl. Diesmal war er ganz aus Glas. Zunächst war ‚draußen“ der Garten, dann bewegte sich der Fahrstuhl durch mehrere Etagen der geräumigen Tiefgarage. Ein riesiger Querschnitt durch die Fahrzeuggeschichte. Dann kam ein riesiger Raum mit Werkbänken, Computern, Labortischen und ähnlich mehr.

Hier stoppte der Fahrstuhl.

Cjue erwartete uns schon. Er nahm die Waffe entgegen und ging zu einem Tisch, auf dem ein riesiges Mikroskop stand. Er schob den Schaft darunter und wies auf einen Monitor. Dort konnte man den Schaft vergrößert sehen. Cjue nahm einige Einstellungen vor. Der Schaft verfärbte sich in bunten Farben.

„Ich habe Euer Gespräch oben belauscht.“ sagte Cjue. „Du hast Recht Clarrissa. Die Waffe ist alt und neu zugleich. Sie hat sich zeitweise in Ghoydern befunden. Ob sie auch durch die Zeit bewegt wurde, weiß ich nicht. Du solltest wirklich einen anderen Experten hinzuziehen. Hast Du eine Idee, wen?“

„Ja, kannst Du eine Verbindung zu Irene herstellen. Oder besser direkt zu Lucia Srod.“

Cjue zog ein kleines Gerät aus der Tasche und eine kräftig, aber nicht so übel gebaute Frau erschien aus dem Nichts.

„Wer hat mich gerufen? Wer will was von mir?“ sagte sie.

„Im Prinzip ich, Lucia Srod.“ sagte Clarrissa. „Wir brauchen einen Experten. Am besten einen Ahner. Du hast doch Verbindungen, bzw. wirst welche haben.“

„Ja, Cefle 12, oder genauer gesagt Carsten-Erique Frederique LeDoux.

Er wird aber erst nächstes Jahr geboren und als Experte ist er erst im Anfang des 21. Jahrhunderts zu befragen.“

„Dann musst Du durch Zeit reisen, Escamillo“ wandte sich Clarrissa an mich. „Ich treffe Dich dann dort.“

„Escamillo?“ echote ich.

„Ah, ja. Den Kampf musst Du ja noch durchfechten.“ kam die Antwort.

„Die Waffe sollte aber nicht durch die Zeit reisen! Das würde ein Untersuchungsergebnis verfälschen.“

„Das ist nicht nötig, als Ahner kann er in gewisser Weise herkommen.“ sagte Lucia Srod.

Sie ging zu einem der vielen Computer, tippte etwas ein, starrte eine Weile auf den Monitor.

„Ganz einfach sogar!“

13. LöwenturnierSie tippte wieder etwas in den Computer und nickte als sie den Computer sah.

„Ich spiele mit Ihm an 22. Mai 2002 beim Braunschweiger Löwenturnier!

Den Rest überlasse ich Euch!“ sagte Lucia Srod und verschwand.

Kurz darauf hörten wir das Geräusch eines Fahrstuhls, der nicht mehr so ganz neu erschien. Franz führte eine junge Frau herein:

„Hier ist eine junge Dame, die behauptet ein gewisser Cefle Doux schicke sie!“

„Ich heiße Nora Caspary. Es ist nicht so ganz richtig. Ich bringe Cef quasi mit, obwohl immer noch nicht kapiere wie das geht! Meine Cousine ist ja nicht mal mit ihm schwanger!“

Sie ging zum Gewehr, tastete an ihm herum. Dabei verklärte sich ihr Gesicht, so als wäre ihr Geist woanders.

Als ihr Gesicht sich wieder normalisierte, standen in unseren Fragezeichen herum.

„Und?“ fragte Cäsar Bär.

„Cef hat mir erklärt, dass ich Euch nichts sagen kann. Wenn Ihr ihn 2002 nicht fragen würdet, wäre ich nicht hier!“

Es hätte ja auch einmal einfach sein können.

„Mach Dich auf Escamillo! Ich warte auf Dich! 25. Mai 2002, 8:00 Uhr morgens.“

Ich begab mich in den Garten und von dort in den Mai 2002.

Clarrissa erwartete mich schon.

In der Hand trug sie zwei kleine Taschen, am Baum neben Ihr lehnten zwei weitere. Die am Baum waren große Rollen mit einem runden Durchmesser von knapp 20 cm, einem Meter Länge und hatte eine große Schlaufe

Sie reicht mir eine kleine. „Deine Kugeln und Deinen Lizenz sind drin!“ sie zeigte auf die kleineren.

Ich griff in meine Innentasche und zog meine Detektivlizenz heraus.

„Ist die nicht mehr gültig?“

„Doch, aber ich meine Deine Lizenz zum Pétanque spielen.“

„Pétanque?“

Qi informierte mich, meine Frage erahnend, dass Pétanque ein Boulespiel war.

„Wir sollten nicht auffallen. Deswegen sollten wir beim Löwenturnier mitspielen.“ meinte Clarrissa.

„Ich werde auffallen, weil ich das Spiel nicht kann.“

„Ja das wird ein wenig auffallen. Du spielst zurzeit sonst nämlich regelmäßig. Du kannst ja erklären, dass Du nicht in Form bist. Aber wir haben noch ein wenig Zeit. Du bekommst hier im Garten noch einen kleinen Crashkurs.“

Wir öffneten gleichzeitig die Taschen, in denen je drei große Metallkugeln und eine Holzkugel waren. In einem Seitenfach fand ich die Lizenz. Ich stutzte wegen der Sprache.

„Sind alle Lizenzen französisch.“

„Nur die von französischen Vereinen. Aber mehr zu verraten, hieße Dir Informationen über Deine Zukunft zu geben. Das ist – wie Du weißt – nicht ratsam.“

Ich kam mir zunächst etwas albern vor, als ich unserem Garten stand, den Arm hin und her schwang und Metallkugeln in Richtung einer kleinen Zielkugel warf, die „Schweinchen“ hieß.

Aber später war ich für diese Übungen dankbar.

Wir schulterten die längliche Tasche und fuhren mit der Straßenbahn zum Löwenwall, dort tummelten sich etwa hundert Boulespieler.

Clarrissa dirigierte mich zu Anmeldung und durch die ersten beiden Spiele des Turniers. Sie half mir auch unauffällig bei den Namen von mir völlig unbekannten Leuten, die mir freudig die Hand schüttelten, in dem sie diese schon von weiten begrüßte. Alle schienen hier per „Du“ zu sein.

Wir verloren trotz unseren Übungen die beiden Spiele relativ schnell. Trotzdem gefiel mir das Spiel immer besser. Die meisten anderen Partien liefen noch.

docu0108„Jetzt ist Pause. Hast Du Lucia Srod schon gesehen?“

„Nein.“

Clarrissa ging zur Turnierleitung und fragte: „

Srod und Cef wollten heute auch spielen. Ich habe sie noch nicht gesehen.“

Ein kleiner Dicker, der das Turnier eröffnete hatte, wies mit dem Finger auf eine Gruppe von Spielern in etwa 100 m Entfernung.

„Da hinten spielen sie.“

Wir besorgten uns etwa zu Essen und gingen zu dem Spiel. Srod nickte uns zu und sagte dann in einer Spielpause: „Es dauert noch ein Weilchen.“

Clarrissa öffnete die längliche Tasche, der Inhalt entpuppte sich als Stuhl. Ich packte meinen auch aus.

Etwa eine halbe Stunden später hatten Srod und Cef gewonnen und bald darauf saßen wir etwas abseits vom Geschehen zusammen.

Auch Cef schien mich bereits zu kennen.

„Srod sagte, Ihr möchtet, dass ich Euch helfe!“ kam er gleich zur Sache.

Wir erläuterten unser Anliegen und erwähnten auch das Erscheinen von Nora Caspary.

Wortlos holte Cef ein Schweinchen und ein Maßband heraus. Er nahm sie in eine Hand, so dass sie sich berührten und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er bekam den verklärten Blick wie Nora.

Ich wandte mich an die beiden Frauen: „Was passiert gerade!“

„Cef ist ein Ahner! Ahner sind Cybride von Terranern und mindestens zwei Spacern. Sie benötigen zwei separable magische Gegenstände zum Zaubern. Sie können die Zauber ihrer Vorfahren. Der Name Ahner kommt daher, dass ihr Geist in den Geist verstorbener Verwandter reisen kann. Er kann sie kontaktieren und im gegenseitigen Einvernehmen ‚übernehmen.’ Das Einvernehmen wird meist allerdings meist durch gute ‚Überzeugungsarbeit’ hergestellt. Ahner wissen meist sehr viel über Ihre Vorfahren.“

Cef erwachte aus seiner Trance und kam gleich zu Sache.

„Die Waffe befand sich mindestens zweimal in für lange Zeit in einem Ghoyder. Sie wurde mindestens zu drei Zeiten benutzt. Die beiden ersten Male vor längerer Zeit und auch öfter.

Das letzte Mal vor kurzem. Eigentlich wollte der Benutzer sie wieder in einen Ghoyder verwahren. Aber er befand sich in einem starken magischen Feld und es schlug fehl.“

„Weißt Du, wer die Waffe das letzte Mal benutzte?“

„Es war ein Ahner. Aber nicht mit mir verwandt. Daher kann ich Euch den Namen nicht nennen!“ Er wechselte abrupt das Thema:

„War’s das? Ich würde mich gern für den Nachmittag einspielen.“

Auch ich spielte an diesem Nachmittag noch einige Spiele und gewann sogar ein paar Euro Siegesprämie.

„Das sollten wir öfter mal spielen!“ sagte ich am Abend zu Clarrissa bei einem Glas Wein in Ihrer Wohnung.

Clarrissa hatte mich überzeugt, dass ich auch am nächsten Tag noch zurückreisen konnte. Ich wäre dann ausgeruhter. Im Ergebnis war ich zumindest entspannter.

Als ich nach einem ausgedehnten Frühstück an einem Mai-Sonntag 2002 in den Juni-Morgen 1975 zurückkam, standen alle noch um das Gewehr herum. Ich berichtete. Irritierend war, dass Clarrissa Fragen stellte. Aber für Sie lag das alles noch in der Zukunft.

Wir waren keinen nennenswerten Schritt weiter gekommen, als ich Clarrissa zur Tür brachte.

„Wir haben zusammen Pétanque gespielt?“

„Ja, und wir werden in diesem Sommer noch beide Mitglied in einem südfranzösischen Pétanque-Club. Außerdem haben wir noch etwas anderes miteinander getan!“

„Oh“ sagte sie. „Darauf kann ich mich ja dann 27 Jahren freuen!“

„Vielleicht musst Du darauf nicht so lange warten!

Weiter mit: Schule der Magie

Schreibe einen Kommentar