Die Diskette

Braunschweig, 13.02.82

Erzählt von Frauke Gesandt 

In meinem Briefkasten war ein Zettel. Der Postbote hatte ein Paket beim meiner Nachbarin abgegeben. Absender war die Firma Rellmeier und Kompagnons. Ich kannte die Firma, hatte das eine oder andere dort gekauft, aber ich erinnerte mich nicht daran, etwas bestellt zu haben.

Im Paket waren eine Diskette, ein kleiner schwarzer Kasten und ein Brief.

Sehr geehrte Frau Gesandt,

das Gerät in der Anlage ist eine großartige technische Innovation. Es heißt Pet-Ki und kann mit ihrem Atari-Computer über Funk verbunden werden. Sie brauchen nur die anliegende Diskette in das Laufwerk schieben.

Wir haben einige gute Kunden ausgesucht, um das Pet-Ki zu testen. Auch Sie sind unter den Ausgesuchten. Wir bitten Sie nur darum, im Anschluss an die Testphase einen Bericht zu senden.

Mit freundlichen Grüßen

Krishan

Wann die Testphase enden würde stand nicht im Brief. Ich zuckte mit den Achseln, stellte den Computer an und schob die Diskette in den Schlitz des Laufwerks.

Seitdem stelle ich mir immer mal wieder zwei Fragen.

  • Erstens: Hatte ich eine Chance, die Diskette nicht in das Laufwerk zu stecken?
  • Zweitens: Wenn ich eine Chance hatte, bereue ich es, die Diskette in das Laufwerk gesteckt zu haben.

Ich komme immer wieder zu denselben Ergebnissen.

  • Zu erstens: Ich glaube, nach allem was ich inzwischen weiß, ich hatte keine Chance
  • Zu zweitens: Nein, ich bereue es nicht. Ich habe seitdem viele interessante Wesen kennen gelernt und viele Abenteuer erlebt. Mein eintöniges Leben als Zollinspektorin – das in diesem Augenblick endete – vermisse ich nicht. Ich hatte zwar als Mitglied des Chaos Computer Clubs ein aufregendes Geheimnis, aber die Abenteuer, die ich seitdem genossen habe, warten tausendmal aufregender.

Die erste Aufregung stellte sich sogleich ein. Mein Monitor begann zu flackern, ein kleines sehr lebensecht wirkendes Männchen mit einem leichten Buckel erschien.

Das Männchen sprach: „Bist Du aktiviert Pet-Ki?“

„Ja Krishan!“ auch das Pet-Ki sprach, und stürzte mich dadurch ein wenig in Verwirrung.

„Hast Du Kontakt zu Irene?“

„Ja, aber es geht ihr scheinbar nicht so gut!“

„Ich weiß, dass ist ja ein Grund dieser Aktion! Wenn ich erfahre, dass es Irene wieder gut geht, verbinde ich diesen Computer auch mit ihr, damit sie sich hier um alles kümmern kann. Bis dahin organisiere ich die Sicherheit dieser Wohnung.“

Der kleine Bucklige, der anscheinend Krishan hieß, wandte sich an mich: „Alles okay hier Frauke! Du kannst aufbrechen! Viel Spaß in der nächsten Zeit! Wir seh’n uns!“

Er macht mir eine lange Nase und verschwand. Nun erschien eine Schrift auf dem Monitor: „Überwachung Wohnung Frauke Gesandt läuft.“

Im gleichen Moment sprang die Diskette aus dem Laufwerk und schwebte gemeinsam mit dem Laufwerk zu meiner Outdoor-Weste. Beide verschwanden in einer der zahlreichen Taschen. Dann begann die Weste zu schweben, und zwar auf mich zu. Ich stand von meinen Schreibtischstuhl auf und griff nach der Weste. In diesem Moment verschwand alles um mich herum in einem wabernden grauen Nebel, in dem ich zu schweben schien.

weiter mit: Das Erbe von Tante Barbara

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