Das Erbe von Tante Barbara

Erzählt von Mario Landani

15. August 1971

Nicht alles aus meinem Leben, aus meinen Reisen durch Zeit und Raum, ist mir so in das Gedächtnis eingebrannt, wie dieser Nachmittag im August 1971.

Heute weiß ich, dass der 15. August als Maria Himmelfahrt im Kalender notiert ist. Ich landete zwar nicht Himmel, doch sollte ich Engel und Teufel sehen und hören…. Doch ich greife der Handlung voraus.

Ich hatte im Tennisclub im Bürgerpark in Braunschweig Tennis gespielt.


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An das Match erinnere ich mich nicht mehr. Nur das ich danach recht fertig war und mir vor dem Duschen noch ein Bier gönnte.

„Da bist Du ja,“ hörte ich eine bekannte Stimme, ich blickte zum Sprecher auf.  Ich sah einen Mann, von dem ich wusste, dass er Anwalt war, sein Name fiel mir nicht sofort ein und heute ist er völlig aus meinem Gedächtnis verschwunden. Ob­wohl er mir die entscheidende Nachricht und nicht nur sinnbildlich den Schlüssel für meine Abenteuer überreichte, spielte er keine später keine Rolle mehr für mich.

„Ich bin,“ sagte er, „der Testamentverwalter Deiner Tante Barbara. Sie hat Dir Ihr Haus hinterlassen. Hier sind die Schlüssel. Du solltest gleich hinfahren.“ Er warf mir ein Schlüsselbund auf den Tisch, machte auf dem Hacken kehrt.

Ich starrte ihm ungläubig nach. Tante Barbara war nicht meine richtige Tante, sie war irgendwie mit meinen Eltern befreundet, war mir gegenüber recht spendabel, aber uralt.

Sie war, wie ich später erfuhr, als sie starb 73 Jahre alt . Sie  war  auch spendabler als ich dachte. Ich hatte von Ihrem Geld schon – ohne es zu Wissen – viele meiner 21 Jahre gelebt – gut gelebt.  Ich hatte gedacht, das Geld von dem ich meinen kostspieligen Lebensunterhalt bestritt, stamme von meinen Eltern.

Dabei stammte es von Ihr, allerdings verdankte sie meinen Reichtum wiederum mir und meinen Freunden… Aber ich greife wieder voraus.

Zumindest hatte sie ein Haus im Stöckheim, am „Alten Platz“.


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Na ja, dachte ich, zunächst einmal duschen.

Ich ließ mein halbes Glas Bier stehen, nahm meinen Schläger und meine grüne Tennistasche, die ich mir vor ein paar Tagen gekauft hatte.

Sie war mir, da sie aus grünem Leder war, aufgefallen. Heute nehme ich eher an, dass ich ihr aufgefallen war. Ohne den Ereignissen vor zugreifen teile ich mit, dass sie aus Caldor-Leder besteht.

Ich ging zu den Duschkabinen. Dort stand ein kleiner Mann in einem Schlosser­anzug.

Das der kleine Mann Oethapap heißt, erfuhr ich erst viel später.

„Die Duschen sind leider gesperrt!“ Er griff zu meinem Schläger „Zeigen sie doch mal!“

„He!“ sagte ich. Doch der Schläger war schon in der Hand des Kleinen. Dann warf er ihn einfach fort, und zwar Richtung Terrasse. Und dann löste sich der Schläger mitten in der Luft auf. „He!“, diesmal brüllte ich.

„Er liegt,“ sagte der Kleine hinter mir „auf Deinem Tisch!“ Dann machte es Plop hinter mir. Ich drehte mich um, der Kleine war verschwunden.

Ich hastete zu meinem Tisch. Dort lag mein Schläger. Mein Bier stand auch noch da. Daneben hüpfte eine Amsel herum. Ich nahm den Schläger, hielt in krampfhaft mit der Linken Hand fest, ließ mich auf den Stuhl plumpsen und griff nach dem Bier.

„Mario, Mario“ sagt eine Stimme, „Du sollst doch nicht trinken, wenn Du Auto fährst.“ Die Stimme kam von der Amsel. Sie sah mich freundlich an. Langsam zweifelte ich an meiner Gesundheit.

„Außerdem solltest Du schnell zum Haus Deiner Tante Barbara fahren. Sonst bringst Du alles durcheinander.

Dann bist Du plötzlich kein reicher junger Mann mehr.

Und die Welt wird vielleicht auch eine andere sein.“

Ich ließ das Bierglas sinken, hob es dann zur Nase, schnüffelte daran, stellte es wieder auf den Tisch, warf ein paar Münzen auf den Tisch und ging zu meinem Wagen. Ich fuhr einen VW-Käfer Cabrio. So konnte ich meine Sachen auf den Rücksitz werfen uns in den Wagen springen.

Bloß nach Hause. Ich wohnte damals in der Steinbrecher Straße. Also überquerte ich die Wolfenbütteler Straße und fuhr den Büssing-Ring Richtung Bahnhof.

Zunächst merkte ich nicht, dass das Radio sich selbst anmachte. Bis die Musik ver­stummte und eine Stimme sprach:

„Hier eine wichtige Mitteilung für Mario Landani.

Fahren Sie sofort zum Haus ihrer Tante Barbara.

Sie bringen alles durcheinander.

Sie werden sonst kein reicher junger Mann mehr sein.

Und die Welt wird auch ganz anders sein.“

Einen Moment überlegte ich in das Krankenhaus Salzdahlumer Straße zu fahren. Dort befindet sich die Psychiatrie. Doch ich wendete bei der nächsten Möglichkeit und fuhr Richtung Stöckheim.

Ich war nie in Tante Barbaras Haus. Die Tür ließ sich gleich mit dem ersten von mir probierten Schlüssel öffnen. Ich legte meinen Autoschlüssel und den Haus­schlüssel in die grüne Tennistasche und sah mich unschlüssig um. Geradeaus waren zwei Türen, dazwischen war eine Garderobe. Rechts waren zwei weitere Türen, über Eck, eine schien in einen kleinen Raum zu führen, eine Toilette?

Links waren zwei Treppen, eine führte nach unten, eine nach oben.

Ich näherte mich der Garderobe. Dort saß eine Katze. Die Stimme, die ich hörte schien von ihr zu kommen: „Mario, du solltest zuerst in den Keller gehen. Sonnst bringst Du alles durcheinander. Dann bist Du plötzlich kein reicher junger Mann mehr. Und die Welt wird vielleicht auch eine andere sein.“

Gut, dachte ich, aber erst duschen oder waschen!

Ich ging zu dem kleinen Raum.

Ich betrat eine Toilette

Einen Augenblick kam es mir so vor, als wenn ich mich verändern würde. Mein Körper fühlte sich einen Moment schlaffer an. Die Umgebung schwand einen Moment, das schicke Haus wird einen Moment von einer verdreckten Slumgegend überdeckt. Außerdem schien der Alkohol, den ich im Tennisheim getrunken hatte, stärker zu wirken als sonst.

„Mario, geh in den Keller! Sonst ist alles aus!“ kommt es von der Katze die mir ge­folgt war.

Ich gab auf und begab mich in den Keller.

Im Keller standen einige alte Dinge herum. Unter anderem ein Fahrrad und eine Nähmaschine.

Ich drehte mich um und sah zur Katze, die mir, wie ich erwartet hatte, gefolgt war.

„Und?“

Nun sprach ich schon mit der Katze.

Ich handelte wie im Tran. Dachte einerseits, dass ich träumte, andererseits an einen gut gemachten Scherz von Freunden.

„Das Fahrrad,“ sagte die Katze, „untersuche das Fahrrad und die Nähmaschine!“

Ich untersuchte das Fahrrad. Es war ein Panther-Rad. Ein Rad, das früher mit Er­folg in Braunschweig gebaut wurde. Stabil, ähnlich stabil wie ein Hollandrad.

Es war ein Frauenrad. An einer Stelle sah ich eine Gravur. „Gemacht von Rellmeyer“, stand da.

Nun untersuchte ich die Nähmaschine. Ich zog die kleine Schublade auf und fand einen Zettel. Darauf stand:

Mein lieber Mario

Barbara legt immer alles in rote Dinge.

Auch Schlüssel.

Mario

Es war zweifelsohne meine Schrift. Ich konnte mich nur nicht daran erinnern es ge­schrieben zu haben.

Wie ich heute weiß, hatte ich es noch nicht geschrieben, aber das greift wieder voraus.

Ich nahm den Zettel an mich, drehte mich um und wollte die Katze etwas fragen. Aber sie war nicht da. Ich ging wieder ins Erdgeschoss zurück.

Ich öffnete die erste Tür. Es war ein Wohnzimmer, das mit alten, ja fast antiken, gut erhaltenen Möbeln ausstaffiert war.

„Untersuche das später,“ riet die Katze hinter mir.

Ich versuchte es noch mal mit dem Bad.

Zunächst drehte ich den blauen und den roten Hahn am Waschbecken auf. Kein Wasser. Jemand schien es abgestellt haben. Soviel zum Traum mich zu waschen oder gar zu duschen.

Ich entdeckte einen roten Eimer. Er war leer.  Die Tür daneben führte zur Küche. Den roten Mülleimer durchsuchte ich zuerst. Auch er war leer.

Auch im sehr sauberen Herd, die ebenso blitzblanke Spüle (auch ohne Wasser), am Tisch und an den Stühlen fand ich nichts. Also durchsuchte ich den Küchenschrank. Es war kein moderner. Oben Glasfenster, darunter links und recht Türen mit Druckknöpfen, die Mitte dazwischen offen. Dort stand eine Brottrommel. Unten links und rechts Türen, in der Mitte Schubladen. Ich durchsuchte alles gründlich.  Fand allerdings nicht besonderes. Nur die rechte Tür ließ sich nicht öffnen.

Eine Tür führte in den Nachbarraum. Ein Speisezimmer. Eine zweite Tür führte auf den Flur.

Als erstes untersuchte ich die große rote Vase. Nichts.

Ich untersuchte die Anrichte und erspare, wie schon eben beim Küchenschrank, die Details der Suche. In einer Schublade fand ich ein Fotoalbum und einen Schlüssel.

Ich nahm mir zunächst das Fotoalbum vor.

Unter den Bildern waren viele, die einen jungen Mann zeigen, der mir sehr ähnlich war.

Meist trug er Kleidung der 20ger Jahre.

Einmal trug er allerdings das Tennisdress, das dem, das  ich jetzt an hatte sehr ähnlich war.

Eine junge Frau schien Tante Barbara zu sein.

Einige Bilder zeigten mein Double, Tante Barbara, und ein neues Pantherrad. Es könnte das im Keller sein.

Sie stehen vor dem Panther-Werken.

Ein Bild zeigt das Fahrrad mit einem anderen jungen Mann.

Der Schlüssel sah so als wenn er zur verschlossenen Tür im Küchenschrank passte.

Er passte. Es waren Kaffeeutensilien. Unter anderen ein rote Kaffeedose. Dort war ein großer alter Schlüssel.

Auf dem Küchentisch saß die Katze, daneben stand eine Amsel.

„Und nun?“ fragte ich.

„Geh auf den Boden,“ sagte die Amsel. Der Stimme nach war es die Amsel vom Tennisheim.

Ich folgte der Anweisung. Dort fand ich eine Truhe, zur der der große Schlüssel passte.

Drinnen fand ich eine Karte, einen Brief und einen Ring.

karte aus der erbschaftskiste

Hinter mir ertönte die Stimme der Katze, die zur Amsel sagt: „Den Ring sollte er zuletzt aufsetzen, sonst wird er scheitern!“ Darauf sagt die Amsel: „Ich glaube er wird Deinen Ratschlag annehmen.“

Ich tat es und sah mir zunächst den Plan an.

Er zeigte Wälder, Wege, einen Stand und ein paar Lichtungen.

Nein lieber Junge!

Du hast also die alte Kiste gefunden. Du wirst Dich vielleicht gewundert haben, warum ich Dir dieses alte Haus und einiges andere hinterlassen habe, wo wir doch gar nicht verwandt sind.

Das liegt darin, dass Du einem alten Freund, den ich Mitte der 20ger Jahre kannte und sehr liebte, zum verwechseln ähnlich siehst und bist. Er gab mir damals den Ring und die Karte, die auch in dieser Kiste sind. Er sagte damals, ein junger Mann, der ihn ähnlich sei, würde es das alles sicher brauchen.

Er hat mir auch das alte Pantherrad geschenkt, das im Keller steht. Damals war es natürlich noch nagelneu. Der Fahrradmechaniker, der es gemacht hat, hat sogar seinen Namen eingeritzt.

Wenn du im Übrigen einmal einen guten Rat brauchst, frage meine alte Freundin Hedwig, und nicht Irene, die er immer gefragt hat.

Alles Gute

Barbara

Nun nahm ich den Ring. Es war eine Art Siegelring. Es waren die ineinander ver­schlungenen Buchstaben S und D.

„Er wird ihn doch jetzt hoffentlich aufsetzen?“ stöhnt die Katze .

„Ja,“ sagt die Amsel.

Und sie behielt Recht.

Weiter mit: Die Lichtung

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